Müschens Rosenapfel

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Franz Hermann Müschen
* 9. Mai 1774 in Boizenburg
+ 27. Februar 1847 in Belitz/Laage


Kantor und Organist in Belitz.
1802 gründet Franz Hermann Müschen im nördlich von Teterow gelegenen Belitz die erste Obstbaumschule Mecklenburgs. Schon sechs Jahre später werden die ersten Bäume verkauft. Der heute nicht mehr verbreitete Rosenapfel wurde nach ihm benannt.
Aus den Schulakten (pdf)
Der Erste Pomolog (Biographie ( pdf)

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1804 - 1897
Samuel Christian Heinrich Müschen
(Aus der Franzosenzeit: Transkript / auch als pdf)

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1812 - 1897
Johann Georg Bogislav Müschen
( Der Obstbau in Norddeutschland. Erfahrungen und Rathschläge für die allgemeine Einführung desselben, Stuttgart 1875) Portrait

Franz Hermann Müschen, Pomologe
Franz Hermann Müschen
Aus den Schulakten:

Die Küsterschule zu Belitz, Schulpatron Eigenthümer August Pauly, Gutsherr auf Vietschow

I. In Beziehung auf den Lehrer Franz Hermann Müschen, Küster, Organist und Schullehrer zu Belitz steht in seinem 62. Lebensjahre, fungirt im Schulamte seit seiner Einstellung als Küster im Jahre 1798. Er hat seine Bildung zum Landschullehrer im Großherzoglichen Seminar zu Ludwigslust erlangt, und hat, mit natürlichen Fähigkeiten wohl ausgestattet, sich die Erwerbung mancher wirtschaftlichen, pomologischen und technologischen Kenntnisse angelegen sein lassen. Zur fernern Ausbildung würde er der Conferenzen nicht bedürfen, welche in hiesiger Gegend nicht stattfinden. Gedachter Organist lebt in bestem Vernehmen mit seiner Schulgemeinde, sein Lebenswandel ist untadelig und in wie außer dem Amte würdig.

II. Beziehung auf die Schule

1. Über den Schulbesuch
Der Schulbesuch ist während des Winters, weil die Schule im ... selbst ist ... Während des Sommers ist noch keine Schule gehalten worden. Ob dieses Nichthalten der Sommerschule am Schulpatron liegt, der bisher noch nicht dahin den Lehrer instruirt oder an dem durch die Pflege der Baumzucht und anderer Geschäfte verhinderten Lehrer steht zur Frage. An den die Sommerschule betreffenden Erinnerungen hats der Prediger nicht fehlen lassen. Nach dem allerhöchsten Schulmandat § 19 sind die Versäumnislisten dem Schulpatron auf dessen Anforderung zu übergeben, und es hat der Prediger, der sich sonst diese Listen geben ließ, um danach die Schuld der Eltern und Schüler zu beurteilen, wenn unfähige und ganz unvorbereitete Kinder zur Präparation ihm zugesandt wurden, solche Listenforderungen seit dem Bestand der neuen Ordnung der Dinge aufgegeben müßen.

2. Von dem Unterricht
Der Elementarunterricht wird in der Buchstaben Kenntnis, Syllabiren, Buchstabiren, Lesen der biblischen Historien und der Evangelien neu in der Bibel ertheilt, wozu (?) in den Grundsinn der christlichen Lehre nach dem Landeskatechismus. Obwohl vom Lehrer Unterricht im Gesang ertheilt werden könnte, wird ... gar nicht gesungen, vermuthlich weil des Lehrers Brust zu schwach ist. Das Schreiben und Rechnen wird ordentlich den Schülern gelehrt, welche Theil daran nehmen wollen. Nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten wird in der Schule placirt. Bei der geringen Zahl der Schüler finden alle zu der Zeit hinlängliche Beschäftigung. Die altherkömmlichen Bücher, als der Fibel mit und ohne Jahr (?), der Katechismus, das Gesangbuch und die Bibel sind in den Händen der Schüler. Der Lesemittel besitzt der Lehrer viele. Ob und wann er Gebrauch davon machen will, hängt von seinem Willen ab.

3. Die Schulzucht betreffend
Der Lehrer steht in Achtung bei den Schülern und seine Gegenwart in der Schulstube ist schon hinlänglich auch ohne Strafe Ordnung zu erhalten und Fleiß anzuregen.

4. Da das Kirchdorf vom Ortsprediger und Organisten bewohnt, pflegt es sich gemeiniglich durch sittliches Betragen der Kinder vor anderen auszuzeichnen und so möchte es auch ... sein, wenn gleich es auch nicht zu Veranlassungen fehlt, den alten Ausspruch: Jugend hat keine Tugend, ins Andenken zurückzurufen.

Die Schule zu Vietschow

1. ist seit 1798 mit einem tüchtigen Schulmeister besetzt, namens Daniel Herse, von Geburt an Preuße, seines Handwerk ein Böttcher. Bis zu seinem 74. Lebensjahr vorgeschritten, versagt der Sinn seines Gehörs seine die Sprechlaute aufnehmenden Dienste. Das hats das Gute, daß die Kinder um so lauter und deutlicher lesen.

2. In einer guten Schule zu Prenzlau unterrichtet, hat er sich in der Lehrpraxis vervollkommt und versieht wachsam täglich seinen Dienst, obgleich er zugleich Nachtwächter der Gutsherrschaft ist.

3. Er lebt in gutem Einvernehmen mit der Schulgemeinde darum, daß die Eltern der die Schule gegenwärtig besuchenden Kinder zum größten Theil sich seine Schüler nannten, sie aus eigener Erfahrung wissen, wie heilsam ihnen die Lehre und Zucht des alten Lehrers geworden ist.

u.s.w. von neun Schulen

Transscribiert von Herrn Pastor Dürr aus Grieve

Samuel Christian Heinrich Müschen 1804 - 1897

Aus der Franzosenzeit

Ein wertvolles Dokument über solche Situation sind die Erinnerungen an die Franzosenzeit des Belitzer Kantors C.H. Müschen, geb. 2.10.1804 aufgezeichnet November 1891

Aus den ersten Jahren der französischen Invasion 1806-09 weiß ich das meiste nur aus mündlicher Überlieferung.
Damals wohnte der Besitzer von Prebberede, Jahmen, Dalwitz und Stierow, Ministerpräsident Graf Bassewitz, in Schwerin und kam nur im Sommer auf einige Wochen nach Prebberede. Wüstenfelde gehörte dem Gutsbesitzer Schröder, Vietschow und Belitz dem Kaufmann Pauly in Frankfort a.O., der 1813 starb, worauf dessen Vater die Güter in Besitz nahm.

Graf Wallmoden, Diekhof, war der Besitzer von Kl. und Gr. Bützin, Neuheinde, Rabenhorst und Schwiessel. Rensow gehörte dem von Lowtzow, Klaber. In Tellow und Matgendorf wohnten die Vorfahren der jetzigen Besitzer. Unter Plünderungen hatten meines Wissens nur Schwiessel und Gr. Bützin zu leiden. In Schwiessel wohnte der Pächter Schade, den die Nachbarn wegen seines patriarchalisch treuen Wesens nur "Varing" zu nennen pflegten. In Gr. Bützin war dessen Sohn als Pächter. Neuheinde hatte Hartmann in Pacht.



Portrait Samuel Christian Müschen
Als die Franzosen überall nach englischen Kolonialwaren forschten und solche in Rostock massenhaft verbrannt hatten, brachte mein Vater seinen Vorrat - erpflegte auf dem rostocker Pfingstmarkt seinen Jahresbedarf einzukaufen - auf dem Kirchboden in Sicherheit, was ich noch deutlich erinnere. Es fand jedoch bei uns keine Nachsuchung statt. Das mag 1807 oder 08 gewesen sein.
Etwa in dieser Zeit wird wohl auch die Durchhilfe meines Vaters für einen französischen Soldaten deutschen Stammes fallen, welcher erkrankt zurückgeblieben war, und zweifellos als fahnenflüchtig angesehen und erschossen würde, wenn er sich wieder bei den Franzosen einfand. Vater zeichnete ihn eine Reisekarte für die ersten Meilen, versorgte ihn mit Zivilkleidern und begleitete ihn bei Nacht eine Strecke Wegs. Gefahrvolles Unternehmen! Es blieb daher lange ein tiefes Geheimnis. Erst nach Jahren kamen die Montierungsstücke und Waffen zum Vorschein, die uns Kinder dann bei Verkleidungen und anderen Spielen treffliche Dienste leisteten. Von dem Flüchtling hat mein Vater zu seinem Bedauern niemals das Geringste gehört.

Eine verhältnismäßig ruhige Zeit ging dahin.
Mein Vater schaffte auf ärztlichen Rat für die kranke Mutter ein Einspännerfuhrwerk an und machte mit demselben fast täglich kleinere und größere Ausfahrten.

So auch im Mai 1810. (Im Juni kommt v. Thünen nach Tellow) Es war ein herrliches Wetter, als ich von Zeit zu Zeit ein "Bumm" hörte. Vor der Scheunentür lagen auf dem Hofe zwei leere Biertonnen und ich meinte zuerst, ein Windstoß werde wohl das Spundloch treffen, horchte genau hin, fand mich aber getäuscht, wurde desto aufmerksamer und merkte nun bald, daß der Ton in Richtung über Dalwitz kam. Als ich dem Vater bei seiner Heimkehr meine Entdeckung mitteilte, erwiderte er: "Dann wird Stralsund bombardiert, denn Schill ist dahin entwichen."
Bald erfuhren wir auch die Richtigkeit dieser Vermutung, sowie Schills Tod, welcher tiefes Bedauern hervorrief. Die Hinrichtung der braven Schillschen in Wesel steigerte den Franzosenhaß bei den Freunden je stiller, desto mächtiger.

Der Sommer 1811 brachte den wunderschönen Kometen, der alle späteren, die ich gesehen, sehr weit an Pracht und Dauer übertraf. Und wenn ein Komet Krieg bedeuten sollte, so durfte dieser solche Meinung rechtfertigen, denn jetzt sollte Rußland von den siegreichen Franzosen überwältigt werden, und bevor das Jahr zu Ende ging, sahen wir täglich Franzosen zum Überdruß unser Dorf passieren, immer in nordöstlicher Richtung auf Triebsees zu. Belitz galt ihnen als Etappenort, und mein Vater wurde, da er Französisch verstand, zum Vermittler und Vertrauensmann erwählt, stellte jedoch zu Bedingung, daß er wegen der kranken Frau mit Einquartierung verschont wurde, was bereitwillig zugestanden wurde.
Es war ein blutsaurer Posten, den mein Vater übernommen hatte. Mit einigen französischen Offizieren ließ sich allerdings recht gut fertig werden; sie waren galant und vernünftig. Dann wurden die Truppen so auf die Dörfer verteilt, daß keins zu arg mit Einquartierung belastet war, welche durchschnittlich nur eine Nacht dauerte. Vormittags gegen 11 Uhr rückten sie ein, anderen Morgens vor Tag ging es weiter, und so Tag für Tag. Den Einzug oft mit schöner Musik, oft nur Trommeln, habe ich täglich von meinem Observationsposten aus - Lindenlaube - gesehen, den Abmarsch aber verschlafen bis auf ein Mal, da der Vater zwei Offiziere, die nicht unterzubringen waren, Nachtlager gewährt hatte. Diese schmucken Leutnants mußte ich doch abreisen sehen, liebenswürdige Leute!

Aber ihr Oberst Gobie mit Namen, war desto schlimmer.
Den Tag zuvor war der General des 69. Regimentes mit seinem Stab unser Gast gewesen und hatte auf der Landkarte einen größeren Kreis bis Vorwerk, Jördenstorf usw. bezeichnet, damit die nächsten Ortschaften mehr entlastet würden. Ein braver Mann, dessen Namen ich leider nicht weiß. Aber am nächsten Tag kam Gobie mit Infanterie, Kavallerie, Artillerie und verlangte, daß diese ganze Truppenmasse in Belitz selbst untergebracht werden sollte, also die Unmöglichkeit.

Als mein Vater ihm die Anordnung des Generals vortrug, entgegnete er: "Wenn der General wollte, daß seinen Befehlen Folge geleistet würde, so hätte er dieselben schriftlich hinterlassen müssen."
Einwurf: "Ihre Leute werden in den Quartieren nicht einmal liegen können!"
Antwort: "So bleiben sie stehen!" "Die Pferde können nicht unter Dach!" "So bleiben sie draußen." "Wo sollen wir Speise hernehmen, ihre Leute zu sättigen?" "Brühkartoffeln und Salz werdet ihr doch haben." "Damit werden die Soldaten nicht zufrieden sein." "Damit sollen sie zufrieden sein!" - und sie waren zufrieden. 16 bis 20 Mann hatte jedes haus, je nach Raum. Natürlich wurde unter Mitwirkung vernünftiger Offiziere sein Befehl tunlichst eingeschränkt, z.B. noch abends 10 Uhr 40 Pferde mit Mannschaften nach Rabenhorst geschickt; denn es war scharf kalt.

Bei der Schmiede war links vom Prebbereder Weg Weizen gesät, rechts lag Dreesch. Natürlich verlangte Inspektor Lehmann, daß die Kanonen rechts angefahren würden. Gobie aber ließ sie auf dem Weizen fahren, wodurch derselbe arg beschädigt wurde. Zur Unterbringung der Bagage forderte er die Öffnung der Kirche, wogegen sich mein Vater entschieden wehrte und nur zur Öffnung des Turmes sich verstand, nach hartem Wortkampf auch Sieger blieb.
Es wurden viele Pferde von anderen Ortschaften requiriert, die Mannschaften mit dem Befehl entsandt: "Bringt mir die Pferde oder die Köpfe davon!" Beim Abmarsch am anderen Tage ließ er die Kanoniere mit brennender Lunte neben den Kanonen durchs Dorf gehen, wohl um sich in Respect zu versetzen.
Das war der schlimmste Tag für Belitz. 1320 Mann, dazu die Offiziere wie immer auf dem Hof der Pfarre eingelagert und eine Menge Pferde.

Recht bös war es auch, daß die Männer als Wegweiser mit den Soldaten nach den verschiedenen Orten mußten, und also die Frauen stundenlang sehen sollten, wie mit der Einquartierung von durchschnittlich 8 - 10 Mann fertig zu werden. Unserer Lindenlaube gegenüber lag der Hirtenkaten, und die Frau jammerte laut, als 10 Sappeure mit langen Bärten und blitzenden Beilen im Gürtel über ihre Schwelle traten. Dann hörte ich, wie ein Krieger in gutem Deutsch zu ihr sagte: "Mütterchen, heule nicht, wir tun dir kein Leid; wir gehen nach Rußland und wissen, daß keiner von uns zurückkehrt, heulen aber doch nicht." So fanden sich die Propheten an der Strasse.

Bald besser, bald schlimmer zog der Januar 1812 durchs Land und brachte mir am 26. meinen jüngsten Bruder. Als derselbe einige Tage später sollte getauft werden, kam sein Pate, Dr. Krüger, aus Teterow zu Wagen ins Dorf, konnte aber nicht durch die Wagenburg der Franzosen dringen, mußte zu Fuß herein und traf den Vater auf dem Markte, wo er gebückt auf dem Knie die Quartierzettel ausschrieb.
"Was, Freund, ich meine, es soll Taufe sein, und Sie sind hier in Arbeit?"
"Ja, Doktor, erst müssen diese Leute unter Dach und Fach, hernach die Taufe." Nun, so geschah es. Weil Glatteis war und Pastor Krause krank, führte Vater den alten Pastor Hermes (später Kirchenrat) am Arm ins Haus und dieser vollzog am Bruder Bogislav die heilige Taufe.

Im allgemeinen war über das Betragen der Mannschaften nicht allzusehr zu klagen. Doch es fehlte nicht an einzelnen Beweisen von Roheit. Auf dem Hofe hatte man der Einquartierung zusammengekochtes Essen (Kartoffeln, Graupen, Wurzeln) vorgesetzt. Die Franzosen warfen die Geschirre samt der Speise zum Fenster hinaus: "Schweinefraß" Ob sie wohl in Rußland sich ihrer Heldentaten erinnert haben?

Im Schlosse zu Prebberede hatte sich auf längere Zeit ein Oberstleutnant Richeri nebst Adjutanten Riston und Gefolge einquartiert und lud die Offiziere ringsumher zu lukullischen Gastmählern ein, wozu ein früherer herzoglicher Mundkoch aus Teterow geholt wurde, um die Mahlzeiten von 7 Gängen zu bereiten. Reitende Boten benachrichtigten den Grafen in Schwerin von dem Unfug, und nach manchem eiligen Hin und Her kam von dem dort einquartierten General der Befehl, Richeri habe sofort Prebberede zu verlassen und in Einlmärschen östlich zu ziehen. Mit schwerem Fluch auf den belitzer Küster, der auch in dieser Affäre den Vermittler gemacht, mußte der Prasser die fette Weide eiligst verlassen. Anders der Herr Graf, welcher alsbald seinem Inspektor die Weisung zugehen ließ, dem Mann, der ihm so wesentliche Dienste geleistet, jede tunliche Gefälligkeit zu erweisen. Anfang Februar waren die Durchzüge ziemlich beendet.

Jetzt kam vom Amt Güstrow eine Kommission, welche die Unterbringung und Verpflegung der fremden Truppen besorgen sollte, also richtig post festum. Wenn man jetzt die Leute klagen hört, daß sie niemand in Kost und Logis nehmen können, da wäre ihnen zu wünschen, daß sie die Zeit von 1812 kennen lernten. Alle Gedanken, nicht aber die besten Wünsche folgten jetzt den Franzosen auf ihrer Siegesbahn. Geheuchelt und gelogen wurde derzeit recht viel, weil das Spionierwesen der Franzosen vortrefflich organisiert war. Die Zeitungsberichte (Rostocker Anzeiger in kleinem Quart, Hamburger Kurier 1 Bogen, jede wöchentlich 2 mal), unter französischer strenger Zensur, gingen darin voran; aber man addierte oder subtrahierte je nach Bedarf. Die Nachbarn hielten feste Freundschaft, mein Vater hatte oder machte täglich Besuch. Was aber unter den Männern verhandelt wurde, erfuhren wir Kinder nicht. Es hieß einfach "Hinaus!".

Mir persönlich wurde die erste Nachricht über das entsetzliche Unheil der Franzosen durch einen Schulkameraden, Fritz Kracht, der im Gutshause ernährt wurde, überbracht. Er kam mittags, vor Anfang der Nachmittagsschule, ins Haus, winkte mit witziger Miene mich in die Schulstube und flüsterte: "Heinrich, weißt Du was Neues? Moskau brennt. Die Franzosen müssen fliehen und erfrieren. Dein Vater und der Inspektor sagten es gestern Abend, als ich hinter dem Ofen saß. Sie meinten, ich schliefe, habe aber alles gehört." Da faßten sich die beiden 8jährigen Buben jubelnd um und tanzten vor Freude umher, als ob dadurch die Schulstube profaniert werden könnte. Von Mitleid keine Spur.

Es war Spätherbst, aber die Mienen der leute zeigten Frühlingslust, die Schritte wurden leichter und schneller, die Köpfe trugen sich höher, die Begeisterung stieg mehr und mehr ins Jahr 1813 hinein, viel höher als noch 1870. Endlich ging's los, und mancher 15jährige Bursche log sich ein Jahr älter, um nur mitzudürfen, denn unter 16 Jahren sollte keiner angenommen werden.
So auch ein Bekannter aus Vietschow, ich meine, Schloeff (?). Nachdem er einige Tagesmärsche über Güstrow hinauswar, bat er seine Mutter schriftlich um Verzeihung, daß er ohne ihren Willen gegangen, aber er hätte weder essen noch schlafen können, bis er seinen Wunsch erreichte.

Mein Bruder Ferdinand, 14 Jahre, und ich, 9 Jahre, gingen eines Tages in den langen Reihen der väterlichen Baumschule auf und ab und klagten uns unter bitteren Tränen unsere Not, daß wir nicht mitkonnten. Unbemerkt hatte unser Vater uns belauscht und vertröstete uns auf die Zukunft, die auch unserer vielleicht noch bedürfen möchte.

Die Kriegsereignisse blieben uns fern, und von Truppen sahen wir wenig. Nur einzelne Kosaken zogen durch. Eine Abteilung der hanseatischen Legion (oder russisch-deutschen Legion?) lag einige Tage im Quartier, wobei auch eine Trauung in der Kirche stattfand. Die Freunde des Brautpaares arrangierten auch den Polterabendscherz und erbaten und empfingen etwas zur Herstellung eines mangelnden Bratens. Nach der Trauung wurde auf dem Markt getanzt. Einmal lagerten auf dem Markt Gefangene, man sagte Sachsen. Mir gefielen sie nicht, weil sie keine Gewehre hatten.

Ein sogenannter blinder Lärm brachte im Sommer eines Tages Hunderte von Männern in Belitz zusammen, alle bewaffnet mit Sensen, Heugabeln, Dungharken, dazwischen ein Dutzend Jagdgewehre. Es hieß, ein Trupp Franzosen habe sich durchgeschlichen und marodiere im Rücken der Verbündeten. Diese sollten eingefangen werden. Daher der Lärm. Merkwürdig, daß man gerade Belitz zum Mittelpunkt der Bewegung erwählt hatte. Aber von allen Seiten zog es in hellen Haufen heran. Aus Teterow kam der alte Stadtmusikus Kaempf, früher preussischer Husar, angesprengt und bot Hilfe von 150 Mann an, die schon unterwegs ...
Mein Vater, wieder an die Spitze gestellt, lehnte einstweilen dankend die Hilfe ab, da weder vom Turm, noch von umliegenden Hügeln Verdächtiges zu erspähen war, auch die ausgesandten reitenden Boten kein anderes Resultat referierten. Die Kokarde zierte derzeit jedes Mannes Hut. Als mein Vater nun wahrnahm, daß diese Ehrenzeichen alle verschwunden waren, fragte er: "Leute, wo habt ihr eure Kokarden?" Antwort: "Je, Herr Müschen, sei seggen jo, wenn die Franzosen Lühr mit Kokarden drapen, dann geben sie kein Parduhn." Die Kokarden mußten wieder hervor, aber man merkte doch, daß eine Kriegsmacht dieser Sorte den Franzosen schwerlich imponiert haben würde. Zum Glück für unsere Tapferen verlief die Geschichte im Sande. Wie und woher dieses Gerücht entstanden, hat man niemals erfahren.

Wir Knaben spielten natürlich immer nur Krieg, aber keiner wollte Franzose sein, und das war schlimm. Ich wurde zum Hauptmann erwählt und kmmandierte mit hölzernem Säbel, sah jedoch mit Neid auf Johann Jochen Düwel, den Tamboir, und auf Christopher Röwer, den Fähnrich, weil ich alle drei Chargen gerne selbst verwaltet hätte, und das war auch schlimm.
Das letzte, was mich lebhaft an die Fremdherrschaft erinnerte, sah ich 1817 in Hamburg, welche Stadt zu allerletzt frei wurde. Da waren noch hunderte von Lindenstämmen, die vormals prachtvolle Alleen gebildet hatten. Da lagen noch die Trümmer vieler demolierter Häuser, in der Steintorvorstadt alle zerstört, um freien Blick vom Michaelisturm auf die Bewegung der Gegner zu gewinnen. Da beging ich noch die hölzerne halbmeilenlange Brücke nach Wilhelmsburg hinüber, welche Davoust für Hamburger Geld und durch hamburger Zwangsarbeit gebaut hatte, besuchte in Ottensen noch die Grabstelle 1100 ausgetriebener und im Elend umgekommener Einwohner Hamburgs. Lauter traurige Denkmäler der jetzt glücklich begrabenen, bösen Franzosenzeit.

Aber ich sah hier auch das erste in Hamburg einlaufende Dampfschiff, ein Herold besserer Zeiten und wiedergekehrten Friedens.

Transscribiert von Herrn Pastor Dürr aus Grieve


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